Es ist eine der verwirrendsten Situationen, in der man sich befinden kann. Auf der einen Seite steht deine bestehende Partnerschaft, vertraut, gewachsen, voller gemeinsamer Geschichte. Auf der anderen Seite taucht plötzlich jemand auf, der etwas in dir weckt, dass du vielleicht lange nicht mehr gefühlt hast. Aufregung. Leichtigkeit. Das Gefühl, wirklich gesehen zu werden.
Du fühlst dich hin- und hergerissen. Die eine Seite steht für Geborgenheit und Beständigkeit. Die andere für Leidenschaft und das Versprechen von etwas Neuem. Beide fühlen sich echt an. Beide fühlen sich wichtig an.
Trotzdem weisst du, dass du dich irgendwann entscheiden musst.
Ist es möglich, zwei Menschen gleichzeitig zu lieben?
Ja. Das ist die kurze Antwort. Menschen können tatsächlich zwei Menschen gleichzeitig lieben, aber meistens auf unterschiedliche Arten.
Da ist die Liebe, die auf einer langen gemeinsamen Geschichte basiert. Auf Vertrauen, auf dem Wissen, wie der andere riecht, wenn er müde ist, auf allen kleinen Alltagsmomenten, die sich über Jahre aufgebaut haben. Diese Liebe ist ruhiger, stabiler, manchmal auch stiller. Sie gibt Sicherheit.
Dann ist da die neue Anziehung. Intensiv, aufregend, voller Projektion. Man weiss noch nicht, wie der andere in schwierigen Momenten ist. Man kennt seine schlechten Tage nicht, seine Gewohnheiten nicht, seine Schattenseiten nicht. Was man kennt, ist das Gefühl, das er auslöst.
Beide Gefühle sind echt. Sie sind aber nicht gleich. Eines basiert auf dem, was ist. Das andere auf dem, was sein könnte. Das ist ein wichtiger Unterschied, wenn man versucht zu verstehen, was man wirklich fühlt.
Warum entstehen diese Gefühle überhaupt?
Die Anziehung zu einer neuen Person hat selten nur mit dieser Person zu tun. Meistens zeigt sie etwas, das in der bestehenden Beziehung schon länger fehlt oder sich verändert hat.
Vielleicht ist es die Leidenschaft, die im Alltag verloren gegangen ist. Vielleicht ist es das Gefühl, wirklich wahrgenommen zu werden. Vielleicht ist es die Erinnerung daran, wie es sich anfühlt, wenn jemand einen neu entdeckt.
Ich denke an eine Frau, die zu mir kam und sagte: „Ich liebe meinen Mann. Aber wenn ich mit dem anderen zusammen bin, fühle ich mich wieder wie ich selbst.“ Das war der Schlüssel. Nicht der andere Mann war das Thema. Das Gefühl war das Thema. Irgendwann hatte sie aufgehört, sich in ihrer Ehe wie sie selbst zu fühlen.
Manchmal hat sich auch die eigene Person verändert. Was man früher von einer Partnerschaft wollte, passt heute nicht mehr. Die Bedürfnisse haben sich verschoben. Das ist nicht falsch. Es ist menschlich. Es braucht aber Ehrlichkeit, um das anzuschauen.
Die eigentliche Frage: was willst du wirklich?
Die Entscheidung zwischen zwei Menschen zu treffen ist nicht wirklich eine Entscheidung zwischen zwei Menschen. Es ist eine Entscheidung darüber, welches Leben du führen möchtest. Welche Art von Verbindung du dir wünschst. Was dir wirklich wichtig ist.
Was hilft: die Gefühle aus dem Kopf auf Papier bringen. Was liebst du an deinem Partner? Was zieht dich an der neuen Person an? Was vermisst du in deiner Beziehung? Was hast du dir selbst vielleicht verboten zu vermissen? Diese Fragen sind nicht dazu da, eine Liste zu erstellen. Sie sind dazu da, ehrlich mit sich selbst zu werden.
Wichtig ist dabei, zwischen Verliebtheit und Liebe zu unterscheiden. Verliebtheit ist ein Zustand, intensiv, aufregend, aber zeitlich begrenzt. Liebe ist eine Entscheidung, die man immer wieder trifft. Die neue Anziehung befindet sich fast immer noch im Stadium der Verliebtheit. Was würde aus ihr, wenn der Alltag einzieht?
Was viele überspringen, ist die ehrliche Auseinandersetzung mit der bestehenden Beziehung. Nicht: Reicht es noch? Sondern: Was steckt wirklich dahinter, dass sich etwas verändert hat? Gibt es da noch etwas zu retten oder zu gestalten? Oder ist dieser Weg wirklich zu Ende?
Verliebt in zwei Menschen: wie du Klarheit findest
Klarheit kommt selten durch Nachdenken allein. Sie kommt durch ehrliche Gespräche, durch Stille, durch die Bereitschaft, das anzuschauen, was unangenehm ist.
Was ich der Frau aus meiner Praxis geraten habe: Bevor du eine Entscheidung über zwei Menschen triffst, triff zuerst eine Entscheidung über dich. Was brauchst du, um dich wieder wie du selbst zu fühlen? Was würdest du dir wünschen, wenn es die neue Person nicht gäbe? Wäre deine Ehe dann in Ordnung, oder gibt es da eigene Themen, die nichts mit ihr zu tun haben?
Diese Fragen verändern den Blickwinkel. Plötzlich geht es nicht mehr darum, wen man wählt. Es geht darum, wer man sein möchte.
Lange im Unentschiedenen zu verharren, kostet sehr viel. Nicht nur die beteiligten Menschen, auch einen selbst. Irgendwann braucht es eine Entscheidung, auch wenn sie schmerzhaft ist. Egal welchen Weg man wählt, es wird Verluste geben. Wer aber handelt, findet echte Klarheit.
Wer in diesem Prozess Begleitung sucht, findet in meinem Buch Fremdverliebt und verwirrt einen ehrlichen Leitfaden durch genau diese Entscheidung.
Zum Schluss
Verliebt in zwei Menschen zu sein ist kein Zeichen von Schwäche oder moralischem Versagen. Es ist meistens ein Zeichen, dass etwas Aufmerksamkeit braucht. In der Beziehung. In einem selbst. Oder in beidem.
Am Ende geht es nicht darum, zwischen zwei Menschen zu wählen. Es geht darum, sich selbst zu finden und die Entscheidung zu treffen, die wirklich zu einem passt. Nicht die leichteste. Die ehrlichste.
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